Das Drama des Exils

– Heinz F. Dressel –

Von 1964 bis in die 80er Jahre hinein hatte eine beträchtliche Zahl von Völkern in ganz Lateinamerika unter der brutalen Repression von Militärdiktaturen zu leiden. Für viele Menschen in den betreffenden Ländern – z.B. Brasilien, Chile, Argentinien – waren diese leidvollen Jahre die Hölle. So haben sie es selbst empfunden. „Die Angst, ins Gefängnis geworfen zu werden, begleitete die Angehörigen meiner Generation ständig“, erinnert sich ein früherer Stipendiat des Flüchtlings-programms. Ein prominenter Zeitzeuge aus Argentinien schrieb im Frühjahr 1977: „Jeder vernünftige Mensch weiß, daß er jeden Augenblick aus seinem alltäglichen Leben herausgerissen und in ein Reich unvorstellbaren Horrors hineingestoßen, daß er verhaftet oder entführt werden kann.“ Irrationale Gewalt prägte das gesamte Leben des argentinischen Volkes. In Chile hatte sich das Militär bereits 1973 an die Macht geputscht.  Ein gutes Jahr später wurde bekannt, dass in 22 Folterzentren Inhaftierte häufig mit unsäglicher Brutalität zu Tode gequält worden waren. Binnen eines guten Jahres waren 1.800 chilenische Bürger „verschwunden“. 2004 sprach die Comisión Valech – nach ihrem Vorsitzenden, Bischof Sergio Valech, benannt – von 28.000 Zeugen, an deren Aussagen über die von der Repression begangenen Grausamkeiten es keinen Zweifel gab. In Paraguay befand sich Stroessner bereits seit 1954 an der Macht. Bolivien ächzte seit 1971 unter der Herrschaft Banzers.

Ausgehend von den USA, hatte sich auf dem gesamten Kontinent die neue Heilslehre der „Nationalen Sicherheit“ wie ein Krebsgeschwür verbreitet. Es herrschte der „kalte Krieg“. Der „kubanische Schock“, eine hysterische „Castro-phobie“,  hatte auf dem Kontinent das Gefühl der unmittelbaren Bedrohung durch den internationalen Kommunismus verstärkt. Die neue Staatsphilosophie, die auf dem Gedanken  der „Segurança Nacional“ beruhte, und die das Übergreifen des Kommunismus auf die Völker Lateinamerikas verhindern sollte, wurde vornehmlich über die Indoktrination von zigtausend lateinamerikanischer Offiziere, die durch die Militärakademie der USA in Panama gelaufen waren, verbreitet. Deren Feindbild orientierte sich nicht so sehr an der Annahme einer „äußeren Aggression“, sondern am internationalen Kommunismus, der es verstanden habe, in die eigene Gesell-schaft einzudringen. Der Mythus von Che Guevara schien diese Sicht der Dinge voll zu bestätigen. Die in den einzelnen Ländern Lateinamerikas zu beobachtende Unruhe sei eine Folge derartiger ideologischer Unterwanderung. Solche Subversion, die von ihr ausgehende Gefahr und ihre potentiellen Auswirkungen gelte es mit Hilfe des Instruments der „Nationalen Sicherheit“ zu bekämpfen.

Zur effektiven „Bekämpfung des subversiven Krieges“ wurde systematisch die Folter eingesetzt. Wir wissen, daß diese häufig Tod und „Verschwinden“ zur Folge hatte. Der chilenische Präsident Lagos brachte es im Jahre 2004 klar zum Ausdruck: „Die Folter entsprach der Politik des Staates.“ Der Oberbefehlshaber des Heeres, General Juan Emilio Cheyne, hat die institutionelle Verantwortung bezüglich der vormals geschehenen „Missbräuche“ oder „Fehler“ – wie er es nannte – nolens volens anerkannt.

Inzwischen sind 30 Jahre übers Land gegangen.  Leider ist der kollektive Aufschrei „Tortura Nunca Mais“,  „Nunca más vivirlo“ – Nie wieder Folter! – weltweit gesehen nur ein frommer Wunsch geblieben. In der Zwischenzeit hat die Welt das Grauen von Srebreniza erlebt und den Skandal von Guantanamo sowie die Schande der Folterungen durch US-Soldaten im Irak.

Und nicht nur dies: In Argentinien tauchte im Dezember 2006 plötzlich das Gespenst der desaparición, das fürchterliche Phänomen des Verschwindens von Personen, wieder auf. Diesmal hatte es den 77-jährigen Jorge Julio López erwischt, der in einem Prozess gegen einen bekannten Folterer geschildert hatte, was er seinerzeit an Schrecklichem erlebt hatte. Es war der erste Verschwundene im demokratischen Argentinien. Und es war alles wieder genau so wie 1977: Keiner wusste irgend etwas, aber López war verschwunden. Die Schrecken der finstersten Zeit der Nation waren wieder gegenwärtig. Es war als ob die Geschichte sich einfach wiederholen würde. Und diejenigen, die das Inferno des Schmutzigen Krieges überlebt hatten, oder ihre Angehörigen, zitterten erneut vor den “Operationen“ der Polizeikräfte genau wie anno 1977.

Den argentinischen Studenten und jungen Professoren, Jornalisten, Medizinern und Psychologen und Angehörigen anderer Berufe, die vor nunmehr bereits drei Jahrzehnten zusammen mit chilenischen, brasilianischen und anderen latein-amerikanischen Verfolgten und oft auch mit ihren Ehegefährten und Kindern, die von der Repression brutal aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissen worden waren ihre Heimat verlassen und den harten Weg ins Exil beschreiten mußten, sei dieser Rückblick mit großem Respekt gewidmet.

1.  LATEINAMERIKA EXPORTIERT SEINE KINDER

Als ich im März 1977 in Buenos Aires mit dem Hohen UNO-Flüchtlingskommisar für Lateinamerika, dem Schweizer Robert Müller konferierte, interpretierte dieser die Entwicklung des „Sechsten Kontinents“ mit folgenden Worten: “Seit über fünf Jahren ist Lateinamerika kein Einwanderungskontinent mehr; im Gegenteil, heute exportiert Lateinamerika seine Kinder.“

Die, auf Einschüchterung der Massen, Terror und Folter basierenden, “harten“ politischen Systeme Lateinamerikas hatten den massiven Exodus ihrer Bürger zur Folge.

So lebte um 1979/80 ein Zehntel der chilenischen Bevölkerung im Ausland. Politische und wirtschaft­liche Gründe hatten diese Menschen im Gefolge des Putsches von 1973 aus ihrer Heimat vertrieben. Viele von ihnen hatten ihr Land aus Gründen der persönlichen Sicherheit verlassen. Viele dieser poli­tischen Flüchtlinge sahen sich gezwungen, im Ausland um politisches Asyl zu bitten.

Schätzungsweise 20.000 Brasilianer lebten seit 10 – 15 Jahren als politische Flüchtlinge im Ausland. Ca. 6.000 von ihnen waren “echte“ politische Flüchtlinge. Die übrigen hatten sich zum Schutz ihrer persönlichen Integrität das Exil selbst auferlegt. Unter den Brasilianern befanden sich – das waren die Flüchtlinge der „ersten Welle“ – renommierte Persönlichkeiten.  Als sie das Land verließen, gingen die meisten von ihnen bereits auf die 60 zu. Die exilierten Studenten waren zwischen 20 und 30. Überwiegend handelte es sich um Män­ner. Gewerkschaftler, Politiker, Universitätsprofessoren, Journalisten, Soziologen, Anwälte, Schriftsteller, Parlamentarier, Filmemacher, Künstler, Militärs und Studenten waren anteilig unter den Exilierten am stärksten vertreten. Die Studenten hatten zumeist  in der Studenten­bewegung 1968/69 mitgewirkt. Manche der Flücht­linge gehörten bestimmten politischen Parteien an, z. B. dem PTB -Brasilianische Arbeiterpartei. Andere hat­ten keinerlei Verbindung zu politischen Organi­sationen.

Ganze Bevölkerungsgruppen – Gewerkschaftler, Mitglieder politischer Parteien, die nach­träglich von den zur Herrschaft gelangten Mili­tärs verboten wurden, Akade-miker, Journalisten, Ärzte, Psychologen, Anwälte, Architekten, Ingenieure, Lehrerinnen, Studenten, Büro-und Bankangestellte, Angehörige und Freunde von Inhaftierten und Ver­schleppten – liefen, tagtäglich Gefahr, verhaftet, verschleppt, ge­foltert oder getötet zu werden, besonders in Argentinien zur Zeit der sog. „guerra súcia“ von 1976 – 1983, als der Tod zur Routine geworden war. Den Gefährdeten blieb, wollten sie das nackte Leben oder die persönliche Unverletzlichkeit retten, oft kein anderer Ausweg als das Exil.

Ein argentinischer Student berichtete, er sei im Februar 1977 aus der Wohnung der Eltern sei­ner Verlobten von bewaffneten Zivilisten ver­schleppt worden. Man legte ihm Handschellen an und zog ihm eine Kapuze über den Kopf. In einem Auto brachte man ihn an einen unbekannten Ort. Zweck der Verhaftung war das Bemühen, Informatio­nen über den Aufenthaltsort der Schwester zu erhalten – die bald darauf im Zuge der „nichtkonventionellen Bekämpfung des Terrorismus“  erschossen wurde -. Der hier berichtete Hausfriedensbruch war bereits der vierte in der betreffenden Wohnung. Schon vor­her waren paramilitärische Elemente mehrmals gewaltsam eingedrungen. Beim ersten Mal nahmen sie den jüngeren Bruder unseres Gewährsmannes mit und behielten ihn eine Woche lang in ihrer Gewalt. Keine offizielle Dienststelle übernahm die Verantwortung für diesen Zwischenfall.  Die Regierung lehnte generell jegliche Ver­antwortung für derartige Aktionen ab. Auch der jüngere Bruder war unter Anwendung der Folter nach dem Aufenthaltsort seiner ältesten Schwester befragt worden. Unser Gewährsmann blieb länger als drei Wochen verschwunden. Während dieser Zeit wurde er grässlich misshandelt. Man simulierte sogar seine Hinrichtung durch Erschießen. Am Ende wurde er unter der Auflage entlassen, mit seinen Entführern zu kollaborieren; widrigenfalls wer­de man ihn tatsächlich erschießen. Die Flucht ins Ausland erschien als die letzte Möglichkeit.

Die Zahl der Verhafteten in Argentinien wurde seinerzeit auf 20.000 geschätzt, die der Verschwundenen auf 17.000. Die Zahl der Getöteten soll zwischen 6.000 und 8.000 gelegen haben. Die Regierung sprach von 2.500 anerkannten politischen Gefangenen.  Hunderttausende hatten im Ausland Zuflucht ge­funden, allein in Spanien schätzungsweise 150.000 bis 250.000; in Brasilien 100.000.

Insgesamt waren, von Süd bis Nord,  zu jener Zeit rund 70 Millionen Latein-amerikaner auf Grund der politischen und wirt­schaftlichen Verhältnisse in ihrem Heimat­land gezwungen, im Exil zu leben. Dabei ließen sich politisch und ökonomisch bedingtes Exil nicht immer eindeutig unterscheiden. Alle diese Menschen  waren  Opfer der menschenverachtenden Diktaturen, die sich in ihren Ländern etabliert hatten. „El país que se pudiera hacer con  todos los exiliados y emigrados forzosos de América Latina, tendria una población más numerosa que Noruega,“  – das Land, das man mit all den Exilierten und zur Emigration aus Lateinamerika Gezwungenen bilden könnte, besässe eine Bevölkerung, die zahlreicher wäre als die von Norwegen – hatte Gabriel García Márques einmal gesagt.

Solange man, wie ich dies eben getan habe, eine allgemeine Analyse der politischen Situation auf dem Kontinent in jenen Jahren vornimmt und global von der Repression und entsprechend verallgemeinernd auch vom Exil und seiner Begründung spricht, besteht wahrscheinlich ein weitgehender Konsens. Wo es jedoch um einzelne Fälle geht, mag es mancherlei Differenzen in der Beurteilung der jeweils vorgebrachten Gründe für das Exil geben. Da ist es dann noch relativ leicht zu begreifen, dass etwa einem Anwalt, der seiner Berufsethik folgend politische Gefangene verteidigt und Folterungen angeprangert hatte, und dadurch selbst ins Visier der Repression gekommen war, nichts anderes übrigblieb, als sich so schnell wie möglich durch die Flucht ins Ausland in Sicherheit zu bringen.  Der Anwalt hatte einen erkennbaren und plausiblen Grund fürs Exil. Viele jedoch, die zu den politisch Verdächtigen zählten und daher aufs höchste gefährdet waren – ohne dies tatsächlich zu wissen – erfuhren auch nach ihrer Festnahme nie den Grund ihrer Verhaftung.

In dem Brief eines argentinischen Journalisten lese ich: „Ich hatte das Pech, verhaftet zu werden. Aber man erwarte bitte nicht, dass ich erkläre, weshalb ich verhaftet worden bin, denn ich selbst habe mir diesen Umstand, so sehr ich es auch ver­suchte, nie auf eine einleuchtende Art erklären können, und es gibt niemanden auf der Welt, der dies vermöchte“.  Eines der Opfer der Willkür schrieb:  “Bis zum 24. März 1976 war mein Haus ein glücklicher Ort. Mit meiner Frau führte ich ein Leben, das der ehrlichen und intensiven Arbeit gewidmet war, mit der wir un­sere Kinder ernährten und ihr Leben mit Liebe und Freude umgaben. Von diesem Tag an mußten wir durch ein Calvarium gehen, dessen größte Härte nicht in der extremen Behandlung, die uns zu­teil geworden ist, lag, sondern in deren offen­barer Ungerechtigkeit und dem absoluten Fehlen jeglicher juristischer und ethischer Begründung.“

Oft wurde der Entschluss zum Exil durch die Verhaftung ideologischer Freunde ausgelöst, die unter der Folter den Namen des Betreffenden genannt­ haben konnten. Manchmal kamen Gefährdete der Verhaftung um weniger als zwei Stunden zuvor, wie im Fall eines Chilenen,  örtlicher Sekretär einer geheimen, militanten Bewegung innerhalb der Sozialistischen Partei. Seit Mitte 1975 wurde er von der Polizei beschattet, wies jedoch da­mals ein Asylangebot entschieden ab. Die spätere Verhaftung enger politischer Freunde, deren Aussagen unter An­wendung der Folter zu seiner sofortigen Ver­haftung führen konnten, zwang ihn schließlich, schnellstens im Ausland Sicherheit zu suchen. Auch die Angst vor der Tortur, jedoch auch die Sorge, während des Folterprozesses die Namen von Freunden zu nennen, gab in vielen Fällen den Ausschlag, unterzutauchen und heimlich das Land zu verlassen oder sich einer ausländischen Bot­schaft anzuvertrauen.

In diesem Zusammenhang muß man sich vergegen­wärtigen, dass z. B. in Chile die Folter systematisch eingesetzt wurde, wobei man mehrere Ziele zugleich verfolgte: Erstens sollte durch systematischen Terror jeglicher Widerstand ge­brochen werden. Außerdem bediente man sich der Folter, um Informationen zu erlangen. Die systematischen Anwendung der Folter zielte außerdem darauf, die Persönlich-keit des Opfers zu zerstören und dieses womöglich sogar zur Kollaboration mit dem Repressionsapparat zu bringen.  In manchen Fällen ging es auch darum, Zeugen von Misshandlungen oder von poli­tischen Morden durch physische oder psychische Zerstörung auszuschalten.  Darüber hinaus wurde die Folter in verschiedenen Ländern Lateinamerikas sogar als Mittel benutzt, neue und effektivere Foltermethoden zu erproben. In Chile ließ sich seit ungefähr 1976 die Tendenz beobachten, die physische Folter durch raffinierte psychologi­sche Manipulationen, oft auch unter Anwendung von Drogen, zu ersetzen.

Ein chilenischer Freund wurde im Februar 1975 verhaftet. Auf Grund der Intervention einfluss­reicher Freunde der Familie wurde er nach zwei Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Repression richtete sich nun gegen die Ehefrau. Im März 1976 wurde diese in ihrer Wohnung über­fallen und für die Dauer von sechs Stunden ver­schleppt. Während dieser Zeit zwang  man sie zur Einnahme von Drogen. Beim Verhör wurde sie ge­schlagen. Eine ärztliche Untersuchung bestätigte zudem, daß sie auch missbraucht worden war. In der Folge wurde sie mehrmals verhaftet und gedopt. Man drohte ihr, ihren Mann umzubringen und ihre Eltern und Ge­schwister zu belästigen. Eine Autowerkstatt be­stätigte, daß man am Auto ihres Vaters die Brem­sen unwirksam gemacht hatte, um auf diese Weise einen Unfall herbeizuführen. Die Wohnung des Ehepaares wurde ostentativ überwacht. Die Frau musste sich schließlich in psychiatrische Behandlung begeben. Anfang 1977 flohen die Eheleute ins Ausland.

Für viele, auf Grund ihres Engagements bedrohte Leute war die Flucht in eine ausländische Bot­schaft der einzige Ausweg. Nicht selten mußten sie über zwei, drei Monate hinweg in engen Räumen einer Botschaft ausharren, ehe sie das Land unter dem Schutz der betreffenden diplomatischen Vertretung verlassen durften. Ein Flüchtling, der in der venezuelanischen Botschaft in Santiago Aufnahme gefunden hatte, berichtete, dass dort für 80 Personen Platz vorhanden gewesen sei. Mit der Zeit sei die Zahl der dort Asylsuchenden jedoch auf 460 angewachsen.

Die meisten Exilierten versicherten, dass ihnen der Entschluss, das Land zu verlassen, nicht leicht­gefallen sei. Zu reisen sei nur dann schön, sagte der frühere brasilianische Präsident, Juscelino Kubitschek , in seinem Lissaboner Exil, wenn man in der Lage sei, das Datum der Rückreise zu bestimmen.  Der Entschluss, alle Brücken hinter sich abzubrechen und die Bürden des Exils auf sich zu nehmen, war ungeheuer einschneidend.

Eine Psychologin sprach von vier unterschiedlichen Ver­haltensweisen der Exulanten: 1) die Idealisierung des Exils;  2) das Gefühl der Furcht und der Niederlage; 3) die Indifferenz und 4) die bewusste Annahme des Exils. Bei manchen Flüchtlingen mochten diese vier Merkmale zu durchlaufenden Stadien oder konsekutiven Phasen geworden sein.

Das Exil war  für bedrohte Personen stetig die letzte Möglichkeit, selbst dann, wenn es  in seinen Folgen nicht realistisch eingeschätzt, sondern idealisiert oder in einem Zustand völliger Indifferenz hingenommen worden war. Eine realistische Einschätzung war in der Regel kaum möglich, insbesondere, was die mit dem Exil verbundenen Probleme der nationalen, kulturellen und politischen Identität und die Rechtsunsicherheit im Ausland betraf.  Auch ein gewisser Fatalismus, aus dem heraus der Betreffende in einer Schocksituation überhaupt nicht in der Lage gewesen ist, weiterzu­denken, spielte in manchen Fällen eine Rolle. Grundsätzlich kann gesagt werden: Der Entschluss zum Exil wird stets entweder durch die objektive Lage im betreffenden Umfeld oder durch eine subjektive Empfindung oder durch beides ausgelöst.

2.  DAS EXIL ALS BRUCH

„Das Exil ist eine besondere Situation, die den Bruch der individuellen Geschichte des Betreffenden bewirkt,“ erklärte eine argentinische Psychoanalytikerin. Erich Maria Remarque ,ein deutscher Exilierter während der Nazizeit, schildert in seinem letzten großen Roman, „Schatten im Paradies“, die Geschichte eines deutschen Journalisten, den das Schicksal  nach New York verschlagen hatte: „Ich war vor einigen Monaten in Amerika angekommen und konnte nur wenig Englisch – das war, als hätte man mich halb stumm und halb taub und von einem anderen Planeten hier ausgesetzt. Angesichts der mangelhaften Kommunikations-möglichkeiten stürze man „aus seiner philosophischen Träumerei hinab auf das Niveau eines zurückgebliebenen Zehnjährigen.“

In einer unbekannten kulturellen Umwelt mit einer ihm unbekannten Sprache wird der Exilierte zuerst einmal mit dem Problem der Kommunikation konfrontiert.  Remarques  New Yorker Emigrant war sozusagen „halb stumm und halb taub.“ Die Hälfte verstand er nicht und die Hälfte konnte er nicht sagen – und dabei handelte es sich um die wichtigere Hälfte.

Der Ausländer mochte ein Mensch mit einer 30- oder 40jährigen Lebenserfahrung sein;  er mochte zuhause eine gewichtige  Persönlichkeit im öffentlichen Leben oder im akademischen Bereich gewesen sein, er mochte dicke Bücher geschrieben haben –  in der Fremde wurde er erst einmal auf das Niveau eines Zehnjährigen zurückgeworfen. Selbst seine Kinder wurden mit dem Sprachproblem konfrontiert. So fragte das siebenjährige Töchterchen eines argentinischen Exilierten eines Tages seine Eltern angesichts der es umgebenden babylonischen Sprach-verwirrung: „Cual es la lengua correcta?“ – Welches ist die richtige Sprache?

Für die meisten Flüchtlinge kommen überall auf der Welt zum gravierenden Sprachproblem auch noch Probleme des Ausländerrechts hinzu.  Auch das Wohnungsproblem ist manchmal nur schwer zu lösen, überhaupt, wenn Vermieter, wie im Falle eines brasilianischen Asylanten, beleidigend sagen: „Wir vermieten nicht an Marokkaner!“ – worauf dieser wütend entgegnete: „Não sou marocano, sou brasileiro!“ – Ich bin kein Marokkaner sondern Brasilianer! – Zu alledem kommen bei Familien dann noch Schulprobleme hinzu. Bereits im Kindergarten hieß es oft; „Diese Kinder können nicht Deutsch und machen nur Schwierigkeiten.“

Eine Frankfurter Sozialarbeiterin fragte einen Immigranten, was für ihn bezüglich der Eingewöhnung in Deutschland am schwierigsten sei. Die Antwort lautete: „Das größte Problem ist, dass wir immer Ausländer bleiben.  Es scheint, als wäre ich zu “anders“.  Zuhause  war ich ein Gleicher unter Gleichen. Zwischen den Deutschen und uns ist eine Mauer aufgerichtet und wir stehen auf der anderen Seite der Mauer.“ Und dies galt nicht nur für Deutschland, sondern parktisch für ganz Europa.

Letztlich haben es alle Ausländer mit dem Problem der Anpassung an so ganz andere Lebensverhältnisse zu tun. . „Ich war mitten unter ihnen und gehörte doch nicht dazu“, heißt es bei Remarque.

Die Begegnung mit einer anderen Gesellschaft ist zumeist ein gewaltiger Schock. Gerade für Menschen aus südlichen Regionen gibt es in Mitteleuropa einen „Kälteschock“ und nicht wenige Lateinamerikaner sprachen ein wenig melancho-lisch von „nestas terras frias“ – von diesem kühlen Land – oder von der „frialdad en las relaciones humanas“ – der Kälte bezüglich der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Hat schon der Ausländer im allgemeinen schwierige Adaptationsprobleme zu meistern, so darf es nicht wundern, wenn die Lage, in der sich der Flüchtling befindet, noch wesentlich kritischer ist, leidet er doch zusätzlich unter dem Schock, den das repressive System seines Heimatlandes bei ihm ausgelöst hat. Seine Adaptationsfähigkeit ist bereits enorm geschwächt,  wenn er in die Fremde kommt.  War er über längere Zeit im Gefängnis, leidet er auch im Exil noch unter dem Trauma der Haft. Schwere Depressionsphasen und Angstzustände veranlassen ihn dazu, den Schutz seiner Wohnung kaum einmal zu verlassen; auf alles Fremde reagiert er mit einer generellen Aggressivität, die seinen Ängsten entspringt. Er ist also psychologisch überhaupt nicht in der Verfassung, sich zu adaptieren, weder sozial noch in bezug auf die Entwicklung von Plänen und Initiativen.

Ich erinnere mich noch gut an eine typische Situation: Der Vertreter von AI-Frankfurt, auf deren Initiative und Kosten eine von AI betreute Chilenin in die BRD ausgeflogen worden war, rief mich während der ersten Befragung unmittelbar nach Ankunft des Transatlantikfluges an und beklagte sich über die eben Angekommene. Es sei schwierig, sich mit ihr zu verständigen; sie benehme sich aggressiv und sei im übrigen auch „ziemlich dick“ und „sehe gar nicht wie ein Flüchtling aus.“ Meine Antwort fiel dann einigermaßen sarkastisch aus: „Haben Sie etwa ein Skelett erwartet?“

Das Exil, das zunächst als die Tür zum Leben erschien, erweist sich bald als ein brutaler Bruch in bezug auf die normalen Lebensbedingungen und  -gewohnheiten. Der politische Flüchtling, durch das Exil der Diskontinuität seines Lebens unter-worfen, erleidet den Verlust seines inneren Gleichgewichts. Er sieht sich gezwungen, die heimatliche Umgebung und seine sozio-kulturelle Bezugswelt aufzugeben, den Verlust von Objekten und Funktionen, die ihm alles bedeutetet hatten, hinzunehmen und seine eigene Identität fundamental erschüttern zu lassen. „Ich habe hier meinen Platz verloren und es ist schwer, ihn wieder-zuerlangen,“ seufzte ein Exilierter.

Der durch das Exil verursachte Bruch verändert das Leben der Betroffenen auf vielen Gebieten, nicht allein auf der Ebene des familiären Lebens oder der beruflichen und wirtschaftlichen, sondern gerade auch in bezug auf die politische und weltanschauliche Existenz. Paulo Freire sprach in einem Interview in bezug auf das Exil von einer „geborgten Wirklichkeit“. Vor allem der Gesichtpunkt des Provisorischen und die durch das Leben im Exil bedingte Instabilität wirken sich einschneidend auf die Psyche des Exilierten aus.  Sein Leben ist ganz entscheidend vom Aspekt der Vorläufigkeit geprägt. Der Extremfall, bei einem äthiopischen Freund in Nürnberg, sieht so aus, dass ein junger Mann in den Zwanzigern,  bis in die Dreißiger hinein – elf Jahre lang – stets nur eine Perspektive von drei Monaten bis zum nächsten Stempel der Ausländerbehörde besitzt, stets bangend, die Duldung könne plötzlich beendet werden, was Abschiebungshaft und Abschiebung nach sich zöge. Es ist für einen Menschen, und besonders für einen jungen Menschen, schrecklich, über lange Zeit hinweg nur auf dem schwankenden Boden der Vorläufigkeit leben zu müssen. Solche Vorläufigkeit, die das Leben mancher Exilierter jahre- und jahrzehntelang prägt, ist charakteristisch für viele Bereiche des Daseins, bis hin zu emotionalen und familiären Aspekten, zu den beruflichen,  ökonomischen und Wohnverhältnissen. In Paris, seinerzeit quasi der Welt-hauptstadt der exilierten Lateinamerikaner, gab es Hunderte von exilierten Ärzten, Zahnärzten, Ingenieuren und Professoren, die ihr Leben als Nachtwächter und Straßenkehrer fristeten.

Manche Flüchtlinge hatten regelrecht ihre Identität verloren – wie Peter Schlemihl aus der deutschen Dichtung seinen Schatten verloren hatte – und erlitten eine unerhörte Entwertung ihrer Person, begleitet vom Absinken ihres sozialen Status.  Und immer wieder das handicap der Sprache!  Das permanente Gefühl der sprachlichen Unfähigkeit trieb solche Menschen immer tiefer in die Einsamkeit und Isolierung. Viele wurden zu anonymen Wesen. Ein brasilianischer Flüchtling drückte es so aus: „Ich liege den ganzen Tag auf dem Bett herum und höre Radio, so richtig wie ein Vagabund, “tocando viola de papo pro ar” – und pfeife mir selbst etwas vor. Und die Zeit vergeht, vergeht … Ich bin es schon leid in der Anonymität zu leben wie ein Viehdieb!

Waren die Menschen des Aufnahmelandes in der ersten Phase noch entgegen-kommend und hilfsbereit, so brauchte sich das Mitgefühl für die Exilierten je länger desto mehr auf, so dass es tatsächlich  häufig so aussah, wie Remarque es durch eine seiner Gestalten aussprechen ließ: „Als wir kamen, war das Mitleid der Welt längst aufgebraucht.“  In der spanischen Zeitung EL PAÍS las ich einmal die Glosse: „La palabra exílio estuvo de moda, pero de pronto se quedó sin prensa“- Das Wort Exil war sehr in Mode, doch schon bald war es der Aufmerksamkeit der Presse entgangen.

Ich habe die Flüchtlinge oft mit Janus verglichen, dem Gott mit den beiden, in entgegengesetzte Richtung blickenden Gesichtern: Eines ist auf die Vergangenheit gerichtet und drückt den Bruch, die Trennung, den Verlust und die „nostalgia“ oder die „saudade“  – das Heimweh, die Sehnsucht – aus.  Es blickt auf seinen sozialen Tod als Folge der Unmöglichkeit zurückzukehren. Der Rückweg ist abgeschnitten. „Das, wo wir unser Bestes gegeben haben, ist nicht hier“, klagte ein chilenischer Asylant. Das andere Gesicht blickt in die Zukunft, konfrontiert mit einer unbe-kannten Welt.

Zu diesem gesamten Komplex gehört auch der Mangel staatsbürgerlicher Rechte. „Como eu gostaria de poder votar“ – wie gern würde ich wählen können! – stöhnte ein Asylant. Der Exilierte hat zwangsläufig seinen Status als Staatsbürger verloren und hat keine „Heimat“ mehr. So gab es Flüchtlinge, die seit Jahren oder seit einem Jahrzehnt keinen Pass mehr besassen.

3.  DIE ILLUSION DER VORLÄUFIGKEIT

Eine beträchtliche psychologische Barriere in bezug auf die Adaptation im Aufnahmeland bildet die anfängliche Illusion der meisten Flüchtlinge, das Exil sei eigentlich nur eine kurze Zwischenstation vor der Rückkehr in ein politisch wieder akzeptables Heimatland. Man ist gar nicht darauf eingestellt, im Aufnahmeland über einen längeren Zeitraum zu verweilen.

Die ersten Chileflüchtlinge, die Anfang 1974 in die Bundesrepublik kamen, sagten voller Optimismus: „Pinochet wird sich nicht mehr länger halten können als zwei, höchstens drei Monate.“ Viele Flüchtlinge aus Argentinien rechneten mit höchstens einem Jahr, schlimmstenfalls zwei Jahren des Exils. „Wir fühlen uns hier wie auf der Durchreise. Mit einem Fuß sind wir hier, mit dem anderen in der Heimat“, bemerkte eine chilenische Soziologin im Exil.

Die Heimat war ja, auf die eine oder andere Weise, so nah und manchmal auch so schmerzvoll nah! Ich erinnere mich an eine sehr traurige Begebenheit in den ersten Junitagen 1977. Da erreichte mich ein Brief eines vor kurzem erst aus Argentinien in Deutschland eingetroffenen jungen Flüchtlingsstudenten, in dem er schrieb: „Siento la obligación y la necesidad interior de transmitirle algo muy triste para mi: hoy he recibido carta de Argentina en la cual me comunican que mi hermana fue asesinada por fuerzas de represión del gobierno, al igual que a su esposo, la unica persona que se salvo fue su hijito de 4 años de edad, el cual fue entregado a mi madre. Solo le pido que ore por la alma de mi querida hermana y su esposo, tambien ore por mi, para que el odio no me ciege hacia quenes cortaron la vida tan impunemente. Creo que todos debemos pedir a Dios que haja mayor justicia.“ (Ich verspüre die Verpflichtung und auch die innere Not-wendigkeit, Ihnen eine für mich sehr traurige Nachricht zu übermitteln: Heute erhielt ich einen Brief aus Argentinien, in dem man mir berichtet, dass meine Schwester von repressiven Kräften der Regierung ermordet worden ist, ebenso ihr Ehemann; die einzige Person, die sich retten konnte, war ihr vierjähriges Söhnchen, der meiner Mutter übergeben wurde. Ich möchte Sie nur darum bitten, für die Seele meiner lieben Schwester und ihren Mann zu beten; beten Sie auch für mich, damit der Haß mich nicht blind macht gegenüber jenen, die so straflos Leben auslöschen. Ich glaube, dass wir alle Gott darum bitten müssen, dass es mehr Gerechtigkeit gebe.) Die grausame Wirklichkeit im Heimatland, die den Exilierten bis in sein Asylland verfolgte, schob sich vor die noch so unbekannte und unerforschte Wirklichkeit des Gastlandes und ließ ihn zunächst einmal kaum Fuß fassen.

Die Illusion der Vorläufigkeit hing sicherlich mit dem Lebensalter der großen Mehrheit der Flüchtlinge zusammen.  Viele von ihnen waren Studenten. Sie waren gerade engagiert dabei gewesen, ihr Leben und das Leben ihres Volkes zu gestalten, als die staatliche Repression sie zwang, im Ausland Zuflucht und Sicherheit zu suchen. In der Fremde stand für sie dann schlagartig die Zeit still.  Ihre Berufskarriere brach mit einem Schlage ab. Die Freunde blieben zurück, sassen in den Gefängnissen oder waren bereits umgebracht worden. In der Fremde fanden sie sich wieder wie „lunaticos“, wie Leute, die von einem anderen Planeten auf die Erde gekommen waren. Sie fanden sich nicht als die, die sie wirklich waren, sondern als andere, die auch in der neuen Umwelt als andere wahrgenommen wurden. „Wenn man hierher kommt, muß man nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern eine neue Lebensweise.“ Die Identität ist akut in der Krise.  Man klammert sich mit aller Macht an die alte Identität oder an die alte Rolle.  Man sucht Leidensgenossen, die jedoch oft weit entfernt vom eigenen Standort leben. Da es mit dem Reisen meist nicht geht, weil man keinen Pass besitzt, kommt es zu einer krankhaften „Telefonitis“. Man sucht die Verbindung zur Familie, die daheim zurückgeblieben war. „A gente morre de saudade!“ – man stirbt fast vor Heimweh! Waren die Angehörigen gerade nicht erreichbar führte man zumindest ausgedehnte Gespräche mit dem Dienstmädchen. In Paris gab es eine Telefonzelle, von der alle brasilianischen Exilierten wussten, dass man dort auf Grund eines technischen Defekts kostenlos nach Übersee telefonieren konnte!

Ein brasilianischer Exilierter träumte eines nachts, er habe ein Flugzeug entführt. Als der Pilot ihn fragte: „Wohin geht‘s?“ , wusste er keine Antwort zu geben. Der Treibstoff nahm ständig ab, doch dem Entführer fiel kein Land ein,  in dem man landen könnte. Schweißgebadet erwachte er aus dem Albtraum.  Der Exilierte ist ein desterrado, er gehört nirgends mehr hin!

4.  GEFÄHRDETE IDENTITÄT

In einigen Fällen, besonders dann, wenn an das Schicksal eines Flüchtlings das Schicksal des Ehepartners und der Kinder geknüpft war, traten Schuldkomplexe auf, die zu ernsten psychischen Schäden führen konnten und die sich nicht selten zerstörend auf das Familienleben auswirkten. „Havia uma atitude moralista que de estar fora do Brasil era ser covarde“ – unter einigen Exilierten gab es eine moralisierende Einstellung, wonach man als Feigling galt, wenn man Brasilien verließ – erinnerte sich ein Flüchtling. Die „Selbstkritik“ war in solchen Fällen oft wenig objektiv. Dazu kam oft auch der Widerspruch zwischen der Ideologie und den Versuchungen der Konsumgesellschaft, die der eigenen Ideologie diametral gegenüberstanden. Depressive Zustände waren nicht selten.

Besonders litten solche, die der Folter unterworfen gewesen waren. Ohne psychiatrische Behandlung war eine Wiederherstellung des gestörten seelischen Gleichgewichts kaum möglich. Franz Fanon hat in seinem Buch – „Die Verdammten dieser Erde“ – die Wirkung der massiven Attacken auf die Integrität des Ichs unter psychiatrischen Gesichtspunkten ausführlich beschrieben.  Symptome, auf die er hingewiesen hatte, fanden sich auch bei lateinamerikanischen Flüchtlingen: Depression, Appetitverlust, Berührungsängste, absolute Zurückgezogenheit, Furcht vor Diskussionen in großem Kreis, psychosomatische Leiden wie Nierenkolik, Magen- und Darmgeschwüre,  Menstruationsbeschwerden, Schlaflosigkeit. Ein brasilianischer Exilierter schrieb mir eines Tages: „Esta noite fiz pipi na cama. No Brasil se diz que quando se faz isso na cama da azar“  – Heute Nacht habe ich ins Bett gemacht. In Brasilien pflegt man zu sagen: wenn so etwas passiert, passiert etwas Schlimmes.

In einigen Fällen mündeten die erlittenen Misshandlungen während der Haft sogar ins suicidium.  So nahm sich der mit 69 anderen politischen Gefangenen gegen den von Stadtguerillas entführten Schweizer Botschafter Giovanni Enrico Bucher freigepresste und nach Chile ausgeflogene Dominikaner Tito de Alencar Lima später in Frankreich das Leben. Ein trauriges Beispiel ist auch die Geschichte unserer Flüchtlingsstipendiatin Maria Auxiliadora Barcelos Lara. Sie hatte in Belo Horizonte Medizin studiert, schloss sich einer militanten Gruppe in São Paulo an und wurde 1969 von Sicherheitskräften verhaftet.  Nach zweijähriger Haft konnte sie mit der eben genannten Gruppe von „banidos por tempo de vida“ – auf Lebenszeit Verbannte –  nach Santiago ausfliegen.

Nach dem Putsch in Chile gelangte sie über Mexiko nach Europa. Zum Beginn des Sommersemesters 1974 wurde sie zusammen mit einer Gruppe chilenischer Flüchtlinge in die Förderung des Ökumenischen Studienwerks aufgenommen. Nach einem Sprachkurs auf dem Bochumer campus immatrikulierte sie sich im Oktober 1974 an der FU-Berlin. Während der Vorbereitung auf das medizinische Staats-examen mußte sie sich im Februar 1976 einer internen Behandlung in der Nervenklinik Spandau unterziehen. Nach ihrer Entlassung wurde sie weiterhin ambulant behandelt und warf sich am 1. Juni  vor einen Zug der  S-Bahn. Für die Polizei war der Tod Doras ein klarer Fall von Selbstmord. In Wahrheit wurde Maria Auxiliadora von denen umgebracht, die sie sieben Jahre zuvor in brasilianischen Gefängnissen barbarisch gefoltert hatten. Die psychische Erkrankung war ohne Zweifel eine Folge der physischen und psychischen Qualen, welche die damals 25-Jährige im Laufe  ihrer Haft zu erdulden gehabt hatte.

In bestimmten Fällen suchte der seelische Druck, der auf dem Exilierten lastete, ein Ventil in kleptomanischen Handlungen. Eine Brasilianerin stahl einen Mantel aus dem Wartezimmer einer Arztpraxis. Eine chilenische Asylantin war in einen Kaufhausdiebstahl verwickelt, ein exilierter Universitätsprofessor – als Kind war er Spielgefährte von Ché Guevara gewesen – entwendete wiederholt Regenschirme aus einem Supermarkt. Als der Hausdetektiv ihm ankündigte, der wiederholte Diebstahl werde nun der Polizei gemeldet, kam der Ertappte traumatisiert zu mir und stellte mir ein Ultimatum: „Wenn Sie die Anzeige nicht verhindern, bringe ich mich um. Ich warte bis 18.00 Uhr auf Ihren Anruf.“  Glücklicherweise ließ der Detektiv mit sich reden … Der amigo sagte mir, er brauche überhaupt keine Regenschirme, dennoch habe er sich nicht in der Gewalt, wenn er im Supermarkt an der Schirmabteilung vorbeikomme.  Die ratio ist in solchen Fällen offensichtlich unfähig, irrationale, aus dem Bereich des Psychischen stammende Impulse zu kontrollieren. Die angeschlagene Identität führt immer tiefer in eine Art von Identitätsverlust hinein.

5.  DIE KINDER DER EXILIERTEN

Für Kinder ist das Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit fundamental. Sie verlieren dieses Gefühl, wenn die Eltern selbst unsicher geworden sind. In der Fremde aber sind die Eltern der Flüchtlingskinder selbst wie die Kinder geworden, denen das Gefühl der Geborgenheit verlorengegangen war.

Zusammen mit ihren Eltern überkam manche Flüchtlingskinder ein Gefühl großer Unsicherheit.  Manche lernten später sprechen oder wurden hypersensibel  und weinten schnell, kapselten sich ab, entwickelten aggressive Neigungen, wurden zu Bettnässern und waren schlechte Schüler.

Einige hatten im Heimatland Momente der Angst erlebt, die sie so schnell nicht zu vergessen vermochten.  Drei argentinische Geschwister im Alter von 3 – 7 Jahren besuchten ca. eineinhalb Jahre nach der Flucht in einer deutschen Stadt ein Kinderfest, auf dem Polizisten für Ordnung und Sicherheit sorgten. Als die Kinder nach Hause kamen, kommentierte das Älteste: „Mama, los policías no nos mataran“ – die Polizisten haben uns nicht umgebracht. Ein sechsjähriges argenti-nisches Flüchtlingskind, das zwei Überfälle paramilitärischer Kommandos auf die elterliche Wohnung erlebt hatte, schloss im Exil stets alle Türen hinter sich mit dem Schlüssel ab. Kein Wunder, wenn solche Kinder dann im Gastland Angst vor Fremden, Angst vor dem Kindergarten, und vor der Schule hatten!  Auch die Angst um die Eltern sass tief in den Seelen solcher Kinder, so dass eine Mutter ihre Kleinen beruhigen mußte: „No te preocupes. En Alemania los papás y las mamás siempre volven“ – Du brauchst keine Angst zu haben, in Deutschland kommen die Papis und Mamis immer wieder nach Hause zurück.

Eines der Probleme der Kinder von Exilierten liegt in der Tatsache begründet, dass es für sie außer den Eltern und Geschwistern in der Regel keine Verwandten in ihrem Umkreis gibt.  Mehr als andere Kinder pflegen sie jeden Erwachsenen „tio“ oder „tia“ – „Onkel“ oder „Tante“ –  zu nennen. Von den Großeltern wissen sie zu-meist kaum mehr etwas. Je nach den Umständen gerät die gesamte Vorstellung von Verwandten völlig durcheinander. Ein argentinisches Kind, das fast zwei Jahre lang von der Großmutter betreut worden war, weil die Mutter – ebenso wie der Vater – im Gefängnis sass, und das, nach der Ausweisung der Mutter in die Bundesrepublik, diese dann bei einer Tante in Deutschland wiedersah, war infolge des häufigen Wechsels der Bezugspersonen schließlich so verwirrt, dass es hilflos fragte: „Cuantas mamás  tengo yo?!“  – Wieviele Mamas habe ich? – Ich werde dies nie vergessen!

Nach einer gewissen Zeit sind die Kinder der Exilierten zumeist besser in ihre neue Umwelt integriert als ihre Eltern.  Die Identifizierung der Kinder mit dem Gastland vis-a-vis der Nostalgie ihrer Eltern führt schnell zu zusätzlichen Problemen, wenn z.B. ein Schulkind die Eltern fragt: „Warum sagt ihr, hier sei alles schlecht und geht doch nicht zurück? Warum redet ihr dauernd von der Rückkehr, und sagt doch immer, dass in Chile alles schlecht ist?“

Da Kinder im Regelfall auch in puncto Spracherwerb schneller vorwärts kommen als ihre Eltern, geraten sie oft in die Rolle von Dolmetschern, die zwischen den Einheimischen und den Eltern vermitteln.  Es findet sozusagen ein Rollentausch statt. Was normalerweise den Eltern zufällt, nämlich die Vermittlung zur Außenwelt, wird hier notgedrungen von den Kindern wahrgenommen. Diese Situation führt dann womöglich dazu, dass die Kinder für ihre Eltern, die sich nur radebrechend mit den Einheimischen verständigen können, schämen, so dass die elterliche Autorität in Mitleidenschaft gezogen wird.

6.  DER „MYTHOS“ DES EXILS

Brasilianische Exilierte haben aufgrund langjähriger Erfahrung im Exil rückblickend konstatiert: „Es gibt auch so etwas wie den „Mythos des Exils“, noch mehr jedoch den „Mythos der Exilierten“ im Sinne einer „wichtigen Persönlichkeit“.  Was damit gemeint ist, lässt sich am ehesten durch ein paar Schlaglichter auf einschlägige Verhaltensweisen verdeutlichen:

„Für mich begann das Exil 1964 in Brasilien selbst.“ Damit bezog sich der Exilierte auf das Problem  der „inneren Emigration“. „In Uruguay kam es zur Wieder-begegnung mit der gesamten Führungsschicht aus der Volksbewegung … Aber diese Leute waren voller Illusionen … Man beschäftigte sich sogar mit der Idee, die Macht in Brasilien zurückzuerobern.“ (Ich erinnere mich noch gut an die Besetzung des Lokalsenders von Três Passos durch einen Trupp militanter Exilierter aus Uruguay. Leonel Brizola bestätigte in einem Interview, das ich am 13. Februar 1978 in Köln mit ihm geführt hatte, dass er von Uruguay aus am subversiven Kampf teilgenommen habe und auch mehrmals heimlich in Brasilien gewesen sei. Später versuchte er sich von den Aktionen von Oberst  Jefferson Cardim de Alencar Osório zu distanzieren. Dieser hatte sich im März 1965 mit 30 Leuten von Uruguay aus heimlich nach Brasilien begeben und u. a. eine Polizeistation in Tenente Portela-RS angegriffen und in Três Passos einen Radiosender besetzt, von wo aus er ein Manifest gegen die Regierung lancierte. Bei dieser Aktion kam ein brasilianischer Offizier ums Leben. Der einzige Effekt dieses Abenteuers war die Verstärkung des Drucks auf die dortige Landbevölkerung. Es heißt, Fidel Castro habe derartige subversive Aktionen mit einer Million US$ unterstützt, habe jedoch Brizola deren klägliches Scheitern nie verziehen und seither von ihm nur noch als „El Ratón“ – die Ratte – gesprochen.)

„Eines Tages begriff ich“, berichtet ein damals in Paris lebender Emigrant, „dass die Informationen, die ich über Brasilien besass, und mögen sie noch so gut gewesen sein, immer begrenzt sein würden.  Ich kann den ganzen Tag über brasilianische Zeitungen, Zeitschriften und Bücher lesen, ohne dass dies mein Verständnis für die brasilianische Situation erweitern würde.“

„Es war für die Flüchtlinge ungeheuer schwer, sich vom „Mythos des Exils“ zu befreien und sich einzugestehen, dass sie von der Realität ihres Landes abgeschnitten waren. Es war oft ein sehr schmerzlicher Weg bis hin zu der Erkenntnis: „Wir befinden uns nicht mehr in Chile oder in Brasilien! – Es bringt nichts permanent zu sagen: In Chile, ja, da war das so, und in Brasilien, da war das so.“

7.  ZWISCHEN EUPHORIE UND DEPRESSION

Bei Remarque findet sich die Bemerkung: „Man erwartet immer, Menschen müssten hemmungslos glücklich sein,  wenn sie dem Tode entkommen sind. Sie sind es fast nie.“

Während der ersten Zeit im Aufnahmeland empfindet der Exilierte – abgesehen von der anfänglichen kurzen Euphorie – in der Regel ein kräftiges Misstrauen gegenüber allem Fremden, das ihn umgibt. Er findet sich in einer anderen Kultur wieder, in einer Welt, die ihm äußerst verschlossen zu sein scheint. Sein Misstrauen erstreckt sich nicht nur gegen das Gastland, sondern selbst auf die eigenen Landsleute, denen der neu angekommene Flüchtling dort begegnet.

Was das Misstrauen betrifft, konnte ich vor 5 Jahren eine klassische Erfahrung machen: Drei Jahrzehnte nach der Aufnahme eines brasilianischen „banido por tempo de vida“ – auf Lebenszeit Verbannten – , sagte dieser mir am Telefon in Rio: „Andei todos estes anos com uma consciencia muito pesada, porque, quando em 1974 haviamos chegado lá no campus da ÖSW, eu disse para minha companheir: O Dressel está sendo pago pelo CIA. Hoje me arrependo de não devidamente ter agradecido ao Senhor pelo muito que naquele momento tinha feito pela gente“ – Ich bin all diese Jahre mit einem schlechten Gewissen herumgelaufen, denn, als wir 1974 auf dem Bochumer Campus angekommen waren, sagte ich zu meiner Gefährtin: Dressel wird vom CIA bezahlt.  Heute bedauere ich, dass ich Ihnen nicht gebührend für alles gedankt habe, was Sie damals für uns getan haben.

Diese Episode schildert sehr präzise das Klima, welches die erste Zeit eines Exilierten in der Fremde zumeist bestimmt.  Der Betreffende konnte nicht wissen, daß das Bundesinnenministerium Ende März 1974 die Sicherheitsbehörden der Bundesländer dringend gebeten hatte, festzustellen, ob der Aufenthalt der betreffenden Personen bekannt geworden sei und welche Maßnahmen eingeleitet worden seien. Namentlich waren u. a. folgende Personen erwähnt worden: Luis Travassos, Reinaldo Guarany, Marijane Lisboa, Maria Auxiliadora Barcelos Lara, dazu einige andere Brasilianer, die über Mexico in Belgien aufgelaufen waren und die ich kurz danach unter Umgehung der deutschen Behörden, mit einem Stipen-dium der Kirche versehen, auf dem Campus des Ökumenischen Studienwerks Bochum untergebracht hatte.  In der Presse aber stand in großen Lettern: „Chilenische Terroristen unter uns.“  (Die Welt, 21.3.74) Die Behörden wussten damals noch nicht, wo die Leute sich befanden. Nach deren regulärer Anmeldung als Studenten in Bochum war dies dann anders. (Es war nicht verwunderlich, dass das kommunale Ausländeramt mich nicht gerade liebte …)

Oft mußte der Exilierte erst einmal die Tatsache verarbeiten, dass diejenigen, die sich um ihn kümmerten, Angehörige eines verhassten kapitalistischen Systems waren. Außerdem waren sie durch ein schweres Erbe der Vergangenheit belastet, wie dies bei uns Deutschen der Fall gewesen ist. Der Exulant verstand die „Spielregeln“ unserer Gesellschaft nicht und brauchte Zeit, um dafür Verständnis zu entwickeln.  Was die eigenen Landsleute, denen er begegnete, betraf, ver-unsicherte ihn die Frage, ob es sich nicht um Spitzel der DINA oder des SNI handeln könnte. Häufig waren die Exilierten Anhänger unterschiedlicher ideolo-gischer Gruppierungen. Ich vergesse nie, wie ein chilenischer Flüchtling, den ich vom Flughafen Düsseldorf abholte, auf der Fahrt nach Bochum erleichtert sagte: „Que bueno que Uds. ayudan a los comunistas!“ (Wie gut, dass Sie den Kommu-nisten helfen!) Er wunderte sich nicht wenig, als ich ihm antwortete: „Mire, amigo, semana pasada hé recibido un socialista!“  (Passen Sie mal auf, lieber Freund, vorige Woche war es ein Sozialist, den ich abholte.)  In der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in Bochum äußerten mehrere Exilierte den Verdacht,  ihre Briefe würden geöffnet.  Angst und Misstrauen sassen sehr tief!

Der frühere Präsident Brasiliens, Juscelino Kubitschek, sah seine Lage im Exil so: „Im Exil fühle ich mich mehr als ein Gefangener als wenn ich zwischen vier Wänden einer brasilianischen Kaserne eingesperrt wäre.“

Vor einiger Zeit kam mir ein Brief vom Dezember 1982 wieder in die Hände, in dem eine chilenische Exilierte mir schrieb: „Ich hatte eine schlechte Phase durchzustehen, die nun zum Glück überwunden ist. Nicht ohne Anstrengung bin ich, wie ich glaube, sogar gestärkt daraus hervorgegangen.  Diese neue Erfahrung mit dem Exil, für mich ist es bereits die zweite, ist eine harte Probe. Ich kon-zentriere Tag für Tag meine ganze Willenskraft darauf, sie in einen Sieg zu ver-wandeln.  Es gab Augenblicke der Unlust und Verzweiflung, abgesehen davon, dass ich heute wieder fest auf den Füßen  stehe und meinen Weg fortsetze.“  (He pasado por un mal período que, afortunadamente ha sido superado, y, no sin esfuerzo creo haber salido fortalecida. Esta nueva experiencia del exílio, para mi la segunda, es una dura prueba, y en transformarla en victoria concentro día a día toda mi voluntad; han existido instantes de depresión, desánimo, no obstante hoy, me encuentro de pie, y continúo el camino.)

Der Flüchtling fühlt sich im neuen Ambiente zunächst wie paralysiert und vermag keine Perspektiven zu erkennen. Er bekommt die Zukunft nicht in den Griff und versteht die Welt nicht mehr. „Plötzlich kam mir zum Bewusstsein“, beschreibt ein brasilianischer Flüchtling seine Situation, „dass der Abschied von Brasilien ein Abschied für lange Zeit war. Und dann erhob sich die Frage, was ich hier eigentlich tun sollte.“

In einem alten Brief eines exilierten brasilianischen Freundes lese ich die triste Passage: „In letzter Zeit befinde ich mich in einer Phase schrecklicher Depression. Ich bin arbeitslos, wie viele andere. Einige Tage lang war ich  in einer kritischen Situation; ich hatte noch nicht einmal Geld um zu essen.  Wenn Sie von Ihrer Brasilienreise zurück kommen, kaufen Sie bitte auf dem Flughafen für mich eine Tageszeitung, wenn es geht, den GLOBO oder die Tribuna da Imprensa, und eine Schachtel Zigaretten – Hollywood oder Minister. Fern von der Realität, ohne Glau-ben, ohne Hoffnung, ohne Freundlichkeit, ohne Liebe – eine grauenvolle Situation, psychologisch gesehen.“ (Eu ando últimamente numa crise de depressão terrível; estou sem trabalho, como uma grande maioria. Passei alguns dias em situação crítica, sem ter dinheiro para comer. Peço-lhe que ao voltar do Brasil o senhor compre no Aeroporto o jornal do dia, de preferencia o GLOBO ou a TI e um maço de cigarro Hollywood ou Minister. Afastado da realidade, sem fé, sem esperança, sem carinho, sem amor. Uma situação cruel, psicologicamente falando.)

In der ersten Phase seines Exils lebt der Flüchtling mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Ist der akute psychische Druck samt dem Gefühl der Bedro-hung, das der Flüchtling aus der Heimat mitgebracht hat, erst einmal ver-schwunden, kommt es häufig zu einer Art von Euphorie, die sich dann in einer permanenten Prädisposition zum Feiern von festas e farras manifestiert und auch in dem Wunsch zu reisen, um exilierte Freunde wieder zu sehen.  Der desterrado macht wieder Pläne.

Auf eine Phase der Euphorie folgt allerdings erfahrungsgemäß eine Periode der Depression, wenn der Exilierte nämlich erkennt, dass die neue Heimat alles andere ist als ein Vaterhaus, in dem alles geregelt ist. Da wird er z.B. mit der Bürokratie konfrontiert, die in Deutschland nicht geringer ist als in Frankreich oder Spanien.  Übrigens machten die Brasilianer auch im Chile Allendes ähnliche Erfahrungen: „Das erste Jahr in Chile war ziemlich traumatisch“, erinnert sich ein auf Lebenszeit verbannter Brasilianer. Den chilenischen Flüchtlingen in Argentinien ging es nicht anders und auch die argentinos in Brasilien haben diese Erfahrung gemacht.

Ich habe beobachtet, dass es mit dem Stimmungsbarometer von Flüchtlingen ähnlich ist wie bei einer Fieberkurve: Steht das Thermometer heute auf 40 Grad, so sinkt die Quecksilbersäule am nächsten Tag plötzlich bis auf 36 Grad – ein stän-diges Auf und Ab! Bei einem brasilianischen Freund, der 1969 als Asylbewerber nach Frankfurt kam, hatte es immerhin bis Dezember 1971 gedauert, ehe er mir überglücklich schrieb: „Posso-lhe dizer que me sinto o Senhor Alaim Araújo. Penso que é a primeira vez, desde que saí do Brasil, que sou considerado – ou pelo menos me considero – uma Pessôa Humana, O único problema é que me sinto um pouco sem notícias das coisas que vão pelo mundo, já que raramente compro os jornais alemães (sei ler muito pouco …)“ – Ich kann Ihnen sagen, dass ich mich als Herr Alaim Araújo fühle. Ich denke, es ist das erste Mal, seit ich Brasilien verlassen habe, als eine menschliche Person behandelt werde oder zumindest mich als solche fühle.  Das einzige Problem ist, dass ich mich ein bisschen uninformiert fühle bezüglich dessen, was in der Welt passiert, zumal ich nur selten deutsche Zeitungen kaufe (ich verstehe beim Lesen nur wenig …) Stets habe ich seinen Optimismus bewundert, sein fast irrationales Vertrauen in die Zukunft, eine „Hoffnung, ohne zu wissen, worauf man hoffen kann.” Es gab sogar einen Moment, in dem der arbeitslose Asylant plante, sich aus Protest vor dem Portal des Arbeits-amtes Frankfurt bei lebendigem Leib zu verbrennen. Doch kaum war eine solch bittere Phase seines Lebens vorübergegangen, intonierte er bereits wieder die alte Melodie und schrieb mir: „Ich bin wirklich zufrieden und voller Vertrauen auf die Zukunft.“ Nie fehlte es an Hoffnung. Ich bin mir dessen fast sicher, dass der Heimatlose ohne solche Hoffnung nicht hätte überleben können. Er fügte sich immer wieder in sein bitteres Schicksal.

Die Psychologen würden vielleicht  von der Phase der Integration sprechen. Sollte ich lieber ein Bild aus der Welt der vaqueiros – der cowboys oder gauchos – benutzen und sagen: O cavalo aceita o cara que o monta, não continua se defendendo – das akzeptiert den Reiter, der auf ihm sitzt und sträubt sich nicht mehr gegen sein Schicksal. Man stellt sich auf die Realität ein und beginnt zu erkennen, wie jener Exilierte, der sagte: „Ich muß mein Leben hier in Europa leben und mit dem Immediatismus,  der alle Probleme auf einen Schlag lösen will, Schluß machen.“

In einer solchen Stimmung schrieb mir im Sommer 1972 mein exilierter amigo von der Tribuna da Imprensa: „Sie werden meine Zufriedenheit nachempfinden können, die Freude meiner Seele, das Glücksgefühl, welches mich erfüllt, wenn ich nur daran denke, dass ich, so Gott will, in wenigen Tagen meine “Carta de Alforria” erhalten werde, Die “Carta de Alforria” war ein Freibrief, ein Dokument, das der Sklavenhalter dem Neger aushändigte, wenn dieser seine Freiheit erhielt.  Damit war dieser ein freier Mann und  konnte nicht mehr von irgend einem Herrn erworben werden.  Von nun an war er Herr seiner selbst.“

Wenn es gut geht, erfolgt also  die kritische Integration.  So erlebten viele Flücht-linge das Exil als eine Möglichkeit, ihre politische, ideologische und berufliche Bildung zu vervollständigen, mit dem Ziel, auf diese Weise nachher ihrem Land besser dienen zu können. Sie haben es fertiggebracht, das Exil als eine politische Phase, die optimal genutzt werden muß, zu verstehen. Ein solches gereiftes Selbstverständnis half ihnen dann dabei, aufkommende persönliche und politische Probleme leichter zu bewältigen.

8.  DER ERTRAG DES EXILS

Das Exil ist kein individuelles Abenteuer, sondern eine gemeinschaftliche Erfahrung, wie dies übrigens auch die Bildung des „Colectivo de Exiliados“ in Argentinien und Chile (2006/2007) zeigt.  Es waren nicht einzelne Desperados, die sich, vorwiegend in den 60er und 70er Jahren, aus den Ländern Lateinamerikas als Emigranten in diverse Gastländer geflüchtet hatten, sondern  jene Menschen, ins-besondere Studenten und Angehörige freier Berufe, wurden ganz gezielt  massenweise aus ihren Ländern hinausdrängt.  Hinter dem „Export“ der latein-amerikanischen Jugend und Intelligenz stand eine ausgefeimte Politik, für die der bekannte Slogan aus der Zeit des brasilianischen Präsidenten Médici stehen mag: „Brasil – ame-o ou deixe-o!“ (Brasilien: Liebe es oder verlasse es!) So war es auf großen Plakaten zu lesen. Witzige junge Leute schrieben darunter: „O último de saír apague a luz“ – der Letzte schalte das Licht aus!

Massenweise haben Brasilianer, Chilenen, Argentinier, Uruguaier, Paraguayos, Bolivianer, Salvadoreños, Nicaraguenses, Guatemaltecos und Bürger anderer lateinamerikanischer Länder auf Grund der in ihrer Heimat herrschenden Politik die Welt entdeckt. Die Auswirkungen einer solchen Politik auf die Gesellschaft war mit Sicherheit nicht beabsichtigt: „Die penetrantesten Dialektiker sind die Exilierten, denn schließlich waren es Veränderungen, die sie ins Exil getrieben haben. Deshalb befassen sie sich so intensiv mit Veränderungen“, hieß es in einem Theaterstück, das seinerzeit sehr bekannt geworden war: „Dialog der Exilierten“. Die brasilia-nischen Exilierten haben es damals aus der Entfernung sogar fertiggebracht, die von den Militärs verbotene „Brasilianische Arbeiterpartei“ (PTB) wieder zu beleben und erneut diskutabel zu machen. Gerade die brasilianischen Exilierten waren ein hervorragendes Beispiel dafür, dass das Exil durchaus nicht nur als eine Niederlage verstanden werden darf, sondern als eine politische Aufgabe.

Für viele Flüchtlinge war das Exil die erste persönliche Begegnung mit der Welt jenseits ihres begrenzten nationalen Horizonts.  Es waren nicht nur Zehn-  sondern Hunderttausende, die auf Grund der in ihrem Heimatland herrschenden Repression die Grenzen ihres Landes oder Kontinents überschritten hatten.  Sie sahen das Ausland nicht mit den Augen von Touristen oder Geschäftsleuten, sondern als Menschen, die wie wenig andere befähigt waren, Multiplikatoren zu sein.

In Chile exilierte Brasilianer erlebten die letzten Jahre der Volksfrontregierung aus eigener Anschauung: „Es war ein Intensivkurs in Politischen Wissenschaften in zwei Jahren,“ Ein anderer bezeichnete die Jahre seines chilenischen Exils als ein „Training in Internationalismus“.  Kaum jemand wusste vor der Erfahrung des Exils wirklich etwas von den Problemen anderer lateinamerikanischer Länder. Plötzlich lernten Zehntausende ihren eigenen Kontinent kennen: Argentinien, Brasilien, Chile, Peru, Uruguay, Costa Rica, Mexiko und sogar Cuba. Andere führte das Exil in die USA oder nach Canada. Dazu kam für viele die Erfahrung mit europäischen Ländern: Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, England, Schweden, Schweiz, Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Rumänien, UdSSR. Einige gelangten sogar nach Afrika: nach Algerien, Angola, Guinea-Bissao und Mozambique. In kapitalistischen und sozialistischen Ländern, in hoch-industrialisierten Gesellschaften und in Entwicklungsländern, in vormals koloni-sierten Ländern und in den Metropolen einstiger Kolonialherren erhielten die Exilierten  politischen und ökonomischen Anschauungsunterricht, den kein Studium hätte ersetzen können. „Wir waren extrem brasilianisch. Die Welt begann und endete mit Brasilien“, bekannte ein Emigrant. Das änderte sich nun schrittweise.

Der nordestino Paulo Freire, sprach einmal über seine spezifischen Erfahrungen im Exil: „Ich begann, jede der Wirklichkeiten, in denen ich lebte, lieben zu lernen. In Chile begriff ich, dass ich nicht nur Brasilianer, sondern Lateinamerikaner bin. In den USA und in der Schweiz haben sich mir weiträumige Horizonte eröffnet und ich hatte Gelegenheit, andere Wirklichkeiten kennen zu lernen. Durch meine Arbeit in Guinea-Bissao, auf den Kapverden und São Tomé habe ich enorm viel gelernt.“

Die kollektive Auslandserfahrung der Exilierten ist zu einem wichtigen Beitrag beim späteren demokratischen Wiederaufbau der eigenen Gesellschaft geworden. Ich traf im argentinischen Parlament einstige Exilierte wieder, erfuhr von einstigen chilenischen Exilierten, die nach ihrer Rückkehr wichtige Funktionen in Politik und Gesellschaft ausübten, und sprach nach der „Öffnung“  mit Miguel Arraes in Recife, mit Leonel Brizola in Rio,  mit Flávio Koutzii in Porto Alegre und mit Juan Félix Bogado Gondra in Asunción,  um nur ein paar allgemein bekannte Namen zu nennen. Nach der harten Schule des Exils brachten sie,  wieder zu Hause, Seite an Seite mit den Männern und Frauen der dortigen Opposition, ihre Erfahrung zum Aufbau einer demokratischen Ordnung ein. Unter ihnen befand sich auch unser Stipendiat Luis Travassos der bekannte líder estudantil. In einem Brief vom  5.10.79 schrieb er: „Estamos encerrando nossa estadia aqui na Alemanha … no momento é possível alguma atuação política em um sentido democrático, com o que nos sentimos comprometidos“ – Wir sind dabei, unseren Aufenthalt hier in Deutschland zu beenden … gegenwärtig ist politische Arbeit in demokratischem Sinn, zu der wir uns verpflichtet fühlen, möglich.  –  Leider musste er sein Leben bei einem Verkehrsunfall lassen. Ich habe mich gefreut, später auf dem campus der UFSC in Florianópolis ein nach ihm benanntes Centro Acadêmico anzutreffen.

Wenn man vom Ertrag des Exils spricht, darf man nicht vergessen, auch auf die Erfahrung menschlicher Solidarität, wie sie die meisten Flüchtlinge gemacht haben, hinzuweisen. Vielleicht sind das nicht die unwichtigsten Erfahrungen der „dester-rados“. Auch die Erfahrung solcher Solidarität war für ungezählte Flüchtlinge eine Offenbarung. In Chile waren es weithin „Bürgerliche“ gewesen, die sich unmittelbar nach dem Putsch der extrem gefährdeten Ausländer angenommen hatten. Gleich zu Beginn des Putsches haben gerade auch Männer und Frauen der Kirche den Verfolgten ihre Häuser geöffnet und Ungezählten das Leben gerettet.  Was blieb, war die Erfahrung, die einer der von Pinochets Kommandos Gejagten so aus-drückte: „Abgesehen von allem Unglück habe ich nach allem, was ich erlebte, nur Grund, immer mehr an die Menschlichkeit zu glauben.“

Als einem Theologen sei es mir gestattet, darauf hinzuweisen, dass eine beträcht-liche Zahl von Flüchtlingen im Verlauf ihres Exils auch zu einer neuen Begegnung mit der Kirche gelangte. In Chile waren das „Friedenskomitee“ (mit Helmut Frenz) und die „Vicaria“ (unter der Leitung von Kardinal Raúl Silva Henríquez und Christian Precht) zu allseits bekannten Begriffen geworden.  Sie standen wie Felsen in der Brandung. Ohne den mutigen Einsatz vieler Christen im ganzen Land zugunsten der Inhaftierten, Verschwundenen und Verfolgten hätte das Blutbad in jenem Land ein noch viel schrecklicheres Ausmaß angenommen.  Tausende von chilenischen Flüchtlingen, die in Argentinien Schutz gesucht hatten, und nach der Entmachtung der peronistischen Regierung  im Jahre 1976 schutzlos dem Terror der Kommandos preisgegeben waren, verdanken es den Maßnahmen der kirch-lichen Flüchtlingsorganisation  CAREF (Comisión Argentina para los Refugiados), dass sie nicht an Pinochet ausgeliefert wurden.  Viele von ihnen gelangten mit Hilfe der Kirche ins Ausland. Auch gefährdete Argentinier fanden kaum irgendwo anders Hilfe als bei der Kirche, insbesondere bei der Methodistischen Kirche und bei der Iglesia Evangélica del Rio de La Plata, wofür insbesondere die Namen der Pastoren Lavigne, Ihle, Lienenkämper und Reinich stehen. In Rio waren die Flüchtlinge aus Argentinien von PNUD (Programa das Nações Unidas para o Desenvolvimento) und ACNUR  in Verbindung mit der Caritas betreut worden.  Guy Noel Prim, der Beauftragter des PNUD in Rio de Janeiro,  berichtete mir im März 1977 von 32 anerkannten argentinischen Flüchtlingen, die von Caritas in einem Hotel unter-gebracht worden waren. Die Ersten waren schon im September 1976 eingereist. Da sie keine Pässe besassen, drohte ihnen die Auslieferung an die argentinischen Behörden.  Ein Gewährsmann aus Buenos Aires bemerkte dazu: „Das wäre ja gleich einem Todesurteil!“  Ihr Konsulat durften die Flüchtlinge nicht um Hilfe ersuchen, da man sie denunziert hätte, schließlich gab es damals die berüchtigte „Operación Condor“;  als „Mercosur de los desaparecidos“ (Gemeinsamer Markt der Verschwundenen) hat man dieses Programm später bezeichnet. Es bestand eine enge Verbindung zwischen der argentinischen und der chilenischen, uruguayischen und brasilianischen Polizei. Es war ihr erlaubt, Verhaftungen, Verhöre und Ausweisungen durchzuführen. Das Militär forderte harte Maßnahmen bezüglich der Flüchtlinge: „Ausweisung der unerlaubt ins Land Eingereisten, Entfernung des Vertreters von ACNUR, strenge Kontrolle der Grenzen und Einführung der Visumspflicht für Ausländer.“

Die Flüchtlinge aus lateinamerikanischen Ländern standen nicht unter dem Schutz internationaler Abkommen. Argentinien und Brasilien besassen formal das Recht, jeden lateinamerikanischen Flüchtling wie einen Touristen zu behandeln und dies bedeutete, dass  dieser  ggf. repatriiert werden durfte.

Für alle „illegalen Ausländer“ war die Gefahr sowohl in Argentinien als auch in Brasilien extrem groß. Im Brief eines Chilenen, den wir dann umgehend ausfliegen ließen, hieß es u. a.: „Seit mehr als 1 ½ Jahren besitze ich keine Papiere, keine Arbeit, keine Studienmöglichkeit und fliehe von Ort zu Ort, da ich verfolgt werde. Ich bin es schon leid zu kämpfen, ich bin in Argentinien völlig auf mich gestellt und in kurzer Zeit werden sie mich festnehmen, da ich auch dieses jetzige Quartier verlassen muß, so dass ich alleine und verlassen auf der Straße liegen werde. Ich befinde mich in den dunkelsten Stunden meines Lebens, habe weder Geld noch Papiere, so dass ich mich nirgends werde einmieten können.“

Auf diesem Hintergrund appellierte ich 1976 an das Präsidium des Ökumenischen Studienwerks: „Man kann die Lage der lateinamerikanischen Flüchtlinge in Argen-tinien nur mit derjenigen der Juden im „Dritten Reich“ vergleichen, die ständig in der Furcht leben mußten, von der Polizei oder der SS in ein Todeslager abgeholt zu werden.  Die Kirchen dürfen vor den Vorgängen in Argentinien die Augen nicht länger verschließen. Die Informationen über die Lage der Flüchtlinge, die uns inzwischen vorliegen, sind so gravierend, dass ein weiteres Abwarten jetzt nicht mehr zu verantworten wäre.“

Dem Verständnis der verantwortlichen Gremien – vom Vorstand bis zum Stipen-dienkomitee – ist es zu danken, dass das ÖSW sich während jener kritischen Jahre im Rahmen seiner Möglichkeiten mittels des Instruments eines eigenen „Flüchtlingsprogrammes“ der Gefährdeten und Verfolgten annehmen konnte.

Flüchtlinge aus dem Süden des Kontinents, die es bis hinauf nach Mittelamerika und Mexiko verschlagen hatte, berichteten mir von der bewundernswerten Soli-darität der Methodistischen Kirche in Costa Rica.  In Frankreich war den Flüchtlingen die protestantische Hilfsorganisation CIMADE zum Begriff geworden. In der Bundesrepublik Deutschland  erfuhren viele lateinamerikanische Flüchtlinge moralische und materielle Hilfe vonseiten des Diakonischen Werkes, des Ökumenischen Studienwerks und der Evangelischen Studentengemeinden.

Die Entrechteten Brasiliens, sei es in den Gefängnissen des Landes, im Exil oder in der Verbannung, wussten, was sie der katholischen Kirche ihres Landes zu verdanken hatten. Ich nenne nur die Namen des Vorsitzenden der Brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB), Dom Ivo Lorscheiter, und des Kardinals Dom Paulo Evaristo Arns. Letzterer hatte in der Erzdiözese São Paulo  die  Comissão Justiça e Paz ins Leben gerufen, mit deren Hilfe er vor allen Dingen den von den Militärs ins Gefängnis Geworfenen, den Gefolterten und denen, die „verschwunden“ waren, beizustehen versuchte, u. a. auch durch die sofortige Bekanntgabe ihrer Namen in einem von der Kirche unterhaltenen Radioprogramm.  Dies war nicht ungefährlich. Man drohte dem Kardinal, ihn wegen Verstoßes gegen das Gesetz der Nationalen Sicherheit ins Gefängnis zu stecken. Der Präsident der Republik, General Emílio Garrastazu Médici, beschimpfte ihn während einer Audienz, „Banditen, die Un-schuldige umbringen, Botschafter entführen und Minister bedrohen, zu ver-teidigen.“ Sein Platz sei in der Sakristei!

9.  AMNESTIE ODER SCHICKSAL DES AHASVEROS ?

Vor allem die brasilianischen Bischöfe haben seinerzeit mit Nachdruck auch auf das Schicksal der Exilierten hingewiesen.  Wiederum war es Dom Paulo, der in São Paulo die „Kampagne der Brüderlichkeit“ ausgerufen und nachdrücklich die Forderung nach Amnestie unterstützt hatte: „Die größte Ungerechtigkeit, die man seit dem Beginn der Geschichte einem Menschen antun kann, ist es, ihn staatenlos zu machen. Kein Brasilianer darf ruhen, bis die Regierung ihre Aufgabe erfüllt, für alle Brasilianer da zu sein.“

Wie die Kirche in Chile, setzte auch die Kirche in Brasilien sich engagiert für die politischen Gefangenen und ihre Angehörigen ein und stellte sich damit in eine Tradition der Christen, die sich von Anfang an für die Befreiung der Gefangenen und für die Rettung ihrer verfolgten Brüder und Schwestern stark gemacht hatten.

Zur Zeit der allgemeinen Christenverfolgung befanden sich viele gefangene Christen als Zwangsarbeiter in den Bergwerken.  Ihre Gemeinden fertigten Namenslisten an und bemühten sich, die Verbindung zu den Verschleppten zu halten. Aristides berichtet, dass die Gemeinden sich um die Freilassung inhaftierter Gemeindeglieder bemüht haben.  Der römische Bischof Victor besass eine Liste aller nach Sardinien zur Arbeit in den Bergwerke verurteilten Christen und bekam diese durch die Fürsprache der Christin Marcia bei Kaiser Commodus frei. Als numidische Räuber eine Anzahl von Christen weggeschleppt hatten, sammelte die karthagenische Gemeinde ein Lösegeld von 100.000 Sestertien.  Immer wieder finden sich in Gallien Grabinschriften aus dem 5. Jahrhundert, auf denen es heißt: „Er hat die Gefangenen losgekauft.“ Übrigens finden sich auch in der Apostel-geschichte Hinweise zum Stichwort „Gefangenenbefreiung“.

Mit dem, was auch die evangelischen Kirchen der Bundesrepublik und West-Berlins in den 70er und 80er Jahren zugunsten lateinamerikanischer Flüchtlinge getan haben, stehen sie in der geistlichen und pastoralen Tradition der Urkirche.  Es ist gut und tut auch not, immer wieder daran zu erinnern, denn das Flüchtlings-problem – z.B. im Blick auf Afrika – wird leider immer ernster.  Zum vergangenen Weihnachtsfest sandte ich meinen Freunden eine Predigt aus dem Jahre 1982, ausgerichtet auf den „Tag der unschuldigen Kindlein“, an dem die Christenheit des „Kindermords zu Bethlehem“ gedenkt, dem das Jesuskind zufolge der bekannten Legende dank der Flucht des heiligen Paares nach Ägypten entronnen ist. Die Predigt wurde damals gehalten, als in der  Bundesrepublik eine verhaltene Phobie gegenüber Fremden im Zunehmen begriffen war. Inzwischen hat sich die Situation zum Schlechteren gewendet. Sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Schwarzafrika ertrinken bei dem Versuch, in der „Ersten Welt“ menschenwürdige Lebensverhältnisse zu finden, massenweise im Meer, wie seinerzeit viele der vietnamesischen „boat-people“. Vor anderthalb Jahrzehnten haben wir alle über den Fall der Mauer gejubelt. Heute errichten wir in der gesamten „westlichen Welt“ – von New Mexico bis Céuta  – neue Zäune, legislative und ideologische Grenzen! In den Nürnberger Nachrichten war am 16.2.07 in großen Lettern zu lesen: „EU-Eingreiftruppe gegen Flüchtlinge.“ „Mit einer verbesserten schnellen Eingreiftruppe wollen die EU-Staaten ihre Außengrenzen besser schützen … Die Einheiten unter dem Namen Frontex sollen unter anderem die Einreise von Afrikanern über das Mittelmeer oder auf die Kanarischen Inseln verhindern.“

Es hat mir zu denken gegeben und mich bewegt, als die Tochter eines früheren Studenten aus Südafrika, den Bischof Desmond Tutu mir einst ans Herz gelegt hatte, mir zu Beginn des neuen Jahres schrieb: „Your message in your letter about sparing a thought for those in exile or in asylum in Germany is very important just as Jesus and Mary were safely housed in Egypt over seven years! Your work with many exiled communities is relevant to us in South Africa too because of the many immigrants from different African countries that hoped for a better and safer life here for their families, and who are being harassed right here by our people for ‘taking our jobs’ and so on. There are some horrific accounts of extreme victimization, even murders. The further north they come from the more victimized they are. The irony is that during apartheid many of these countries gave South African exiles safe haven. And now when they need us, we are intolerant. We all forget too quickly.“

Mit diesem Plädoyer einer jungen afrikanischen Frau für Offenheit gegenüber der Not von Flüchtlingen möchte ich diese Darlegung zu dem bedrückenden Thema „Exil“ beschließen.